Dorothea Schüle: „Mattatoio di Roma“

Sonderausstellung 'Bilder ohne Anfang und Ende'

12.11.2022 – 01.05.2023

So viele ‚Schinken‘ hingen noch nie im ersten Stock des altehrwürdigen und etwas schiefen Böblinger Vogtshauses am Böblinger Marktplatz, in welchem sich seit 1984 das Deutsche Fleischermuseum befindet. Das schrägste Haus der Stadt ist dafür genau der richtige Ort. Mit großformatigen fleischhaltigen ‚phatten‘ Bildern hat Dorothea Schüle (*1970, lebt und arbeitet in Köln und Düsseldorf) die Wände behängt. Von 1996 bis 2000 sind die Gemälde entstanden. Gesehen hat sie die Motive, Settings, Interieurs und Szenen in römischen und deutschen Schlachthöfen, Metzgereien und Zerlegebetrieben. Die über 50 Bilder der Serie „Fleisch“ sparen den Anfang und das Ende aus. Die Schlachtung und das Wursten. Nur das Arbeiten mit Frischgeschlachtetem und Großteilen und die Räume, in denen das von statten geht, hat sie dargestellt. Schlachthofbilder von Rembrandt und Corinth sind vergleichbare Stücke in der Kunstgeschichte. Doch hier gibt es fast immer Menschen bei harter körperlicher Arbeit zu sehen. Schüle zeigt uns nur ab und zu jemanden im Hintergrund. Der farbliche Kontrast zwischen dem hellen, kalten und glatten Edelstahl der Maschinen, Zerlegetische und Hängesysteme und dem farbenvollen weißen und roten Fleisch der geschlachteten Vögel und Säugetiere fasziniert die Malerin, den will sie uns zeigen. Fleisch hat bei ihr alle Farben. So wie der Schlachtende mit dem kalten und frisch geschärften Messer den Muskeln und Sehnen folgt und diese zerschneidet und zerlegt, zerwirkt sie die Farben des Fleisches expressiv-expressionistisch. 
Die zum Teil übergroßen Bildformate führen dazu, dass die Betrachtenden einen starken Sog in die Bilder spüren und regelrecht körperlich vom Dargestellen unbewusst angegriffen und berührt werden. Distanz kann zu diesen Bildern niemand aufbauen und einnehmen. Dorothea Schüles Kunst ist gegenständliche Malerei. Genaue, scharf fokussierte und realistische Dokumente des Gesehenen und gleichzeitig rauschhafte und kurz vor der gänzlichen Auflösung stehende Farbenexplosionen. So wild und genussvoll wie auf diesen Bildern geht es in keinem Schlachthaus der Welt zu. Dort wird hart, genau und intensiv gearbeitet, nie geschaut, gesehen und genossen, das geht nur mit und vor Dorothea Schüles großer Serie auf Leinwand.
 

 

http://www.dorotheaschuele.de/